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Index talk:Gladiatoria (MS Germ.Quart.16)

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Transcription Kristian Babic, Robert Brunner, Marion Freundl, Alexandra Gießl, Barbara Kappelmayr, Julia Lorbeer, Carsten Lorbeer, Andreas Meier, Marita Wiedner Gesellschaft für Pragmatische Schriftlichkeit
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Transcription notes

Beschreibung der Handschrift

Gegenstand dieser Transkription ist die Handschrift Ms.germ.quart 16, allgemein auch Gladiatoria[1] genannt, aus der Jagiellonischen Bibliothek in Krakau.
In der Beschreibung der Handschrift beziehen wir uns in großen Teilen auf die Ausführungen von Hans-Peter Hils[2] in seiner Publikation von 1985. Er hatte die vormals in der königlichen Bibliothek Berlin aufbewahrte und als Kriegsverlust geltende Handschrift in Krakau wiederentdeckt.

Die 58 Blatt umfassende Handschrift enthält je Seite eine farbige Illustration auf Pergament und einen dazugehörigen Text in einer Bastarda des 15. Jahrhunderts.
Die Foliierung wurde von späterer Hand eingefügt.
Im Zuge der Transkription wurde von uns ein damals offensichtlich übersehener Bindefehler erkannt. So konnten wir eine inhaltliche Lücke von zwei Blättern zwischen fol. 43 und 44 feststellen; hier fehlen das 22. bis 25. Stück im Degen (Dolch). Die fehlenden Stücke wurden von uns aus der Wiener Handschrift KK5013[3] ergänzt.

Schrift

Der Text ist größtenteils in einer gut lesbaren Bastarda geschrieben. Lediglich auf einigen wenigen Seiten wirkt die Schrift flüchtig, eventuell von einer anderen Hand niedergeschrieben (z.B. fol. 8r–v, 49v, 50r). Eine genauere Aussage bedarf einer paläographischen Untersuchung der Handschrift, auf die im Rahmen dieser Arbeit verzichtet wurde.

Verfasser

Wie bei vielen Handschriften ist auch bei Ms.germ.quart 16 der Urheber der Fechtlehre bzw. der Auftraggeber oder Schreiber zum gegenwärtigen Forschungsstand nicht feststellbar. In keinem der zugänglichen Manuskripte der „Gladiatoria“-Gruppe befindet sich eine Widmung, ein Wappen oder eine andere Form der Signatur, die Rückschlüsse auf den Urheber zuließen.

Nur von der Wiener Handschrift KK5013 ist bekannt, dass sie um 1570 in Besitz des Schlosshauptmanns von Ambras, Carl Schurff, war, der im Dienst Erzherzog Ferdinands II. von Tirol stand.

Datierung

Die Datierung der Handschrift wurde anhand waffenkundlicher Merkmale der Illustrationen vorgenommen. Hans-Peter Hils’ Einordnung in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde durch den Waffen- und Rüstungssammler Peter Schlegel bestätigt, der die Datierung auf 1435 bis 1440 eingrenzt:

„Die gepanzerten Kämpfer tragen einen Harnisch mit Tonnenrock [geschobene Schöße], wie er in dieser Zeit noch in Gebrauch war. Dazu passt auch der tief auf der Hüfte getragene ‚Rittergürtel‘, der zur Mitte des Jahrhunderts aus der Mode kommt. Typisch für die Darstellung dieser Zeit sind auch die fliegenden Zierärmel der Kämpfer.“[4]

Entstehungsgebiet und Sprache

Laut Hils ist die in Oberdeutsch/Bairisch verfaßte Schrift im bairischen Sprachraum[5] entstanden.
Damit lässt sich ihr Ursprung grob in den Bereich Altbayern, Tirol und Südtirol lokalisieren.

Beziehung zu anderen Handschriften

Von der „Gladiatoria“ existieren mehrere Versionen bzw. Abschriften.
Die Krakauer Version Ms.germ.quart 16 ist die umfangreichste und am aufwändigsten gestaltete in dieser Reihe und gilt somit als vermutlich älteste Fassung.
Die Wiener Handschrift KK5013 ist laut Hils wegen ihrer schlichteren Ausführung als Abschrift zu sehen.
Für die als Kriegsverlust geltende ehemalige Gothaer Handschrift Ms.membr. II 109 existiert lediglich eine Handschriftenbeschreibung,[6] und zu der Handschrift „T“[7] gar nur Beschreibungen von drei Einzelblättern.[8] Beide Schriften sind dennoch aufgrund ihres anzunehmenden Inhaltes zu dieser Gruppe zu zählen. Es besteht zudem die Möglichkeit, dass es sich bei den beiden letztgenannten Handschriften um ein- und dieselbe handelt.

Auszugsweise Abschriften der „Gladiatoria“ finden sich in einer Vielzahl anderer Handschriften wieder, wie z.B.:

  • Wolfenbütteler[9] Kodex Guelf. 78.2 Aug. 2°
  • Cod. 862 (als Teilabschrift) ehemals Donaueschingen.[10]

Des weiteren nimmt Hils an, dass sowohl in den Handschriften von Jörg Wilhalm[11] als auch in denen von Paulus Hector Mair[12] Teile der „Gladiatoria“ wiederverwendet wurden.
Die Wiener Vindob. B 11093[13] ähnelt ebenfalls den „Gladiatoria“-Handschriften; ob sie unter selbige einzuordnen ist, bedarf einer genaueren Untersuchung.

Besonderheiten der Handschrift

Die „Gladiatoria“ bildet durch eine eigenständige Form der Darstellung und der Didaktik eine außerhalb der Lichtenauer-Tradition stehende Überlieferung einer Fechtlehre.[14]
Relativ ungewöhnlich ist das gemeinsame Erscheinen von Fränkischem (52r–54r) und Schwäbischem (49v–51v) Kampfrecht[15] in einer Handschrift. Lediglich noch in den Schriften Thalhofers[16] sowie im Codex Wallerstein[17] sind beide Kampfrechte nebeneinander dargestellt.
Selten wird in Handschriften eine konsequente Durchnumerierung der einzelnen Stücke wie hier vorgenommen („Merck das erste Stückh...“). Dadurch lassen sich inhaltliche Lücken, wie die der Blätter 43 und 44, leichter aufspüren. (In der Wiener Handschrift KK5013 wird dagegen die Numerierung nach den ersten Stücken nicht weitergeführt.)
Eine weitere Besonderheit ist ein didaktisches Hilfsmittel: In den Illustrationen und den Textabsätzen sind teilweise sowohl Aktion als auch Reaktion gleichzeitig dargestellt. So beschreibt z.B. auf fol. 1v der erste Textteil die Angriffstechnik des linken Kombattanten; der zweite Textteil, dessen Beginn durch einen Großbuchstaben gekennzeichnet ist, bezieht sich auf den rechten Kämpfer, der eine Verteidigung auf den vorher beschriebenen Angriff ausführt.
Eines solchen Hilfsmittels bedient sich unseres Wissens kein anderer Autor außerhalb der „Gladiatoria“-Handschriften; damit steht die Handschrift zumindest formal eigenständig neben der Liechtenauer-Lehre.

References

  1. Die erste Seite der Handschrift enthält den Stempel der königlichen Bibliothek Berlin und die Aufschrift „GLADIATO. RIA :~“ .
  2. Hans-Peter Hils, „Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes“, Frankfurt a. M., 1985
  3. KK5013, Kunsthistorisches Museum Wien
  4. Aus einem Brief von Peter Schlegel, August 2005
  5. Zur Verbreitung des Bairischen siehe Hermann Paul, „Mittelhochdeutsche Grammatik“, Tübingen, 1989, sowie Claus Jürgen Hutterer, „Die germanischen Sprachen“, Wiesbaden, 1999
  6. Handschriftenkatalog der Forschungsbibliothek Schloß Friedenstein Gotha, von Jacobs/Uckert 1838
  7. Die Handschrift wurde vom Antiquariat Tenner, Heidelberg, in Einzelblätter aufgelöst und verkauft.
  8. Auktionskatalog des Antiquariats Tenner vom Oktober 1958, Oktober 1963 sowie November 1964
  9. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
  10. Derzeit befindet sich die Handschrift im Besitz des Antiquariats Dr. Jörn Günther, Hamburg, und steht zum Verkauf.
  11. Cod.I.6.2°.2, Cod.I.6.2°.3, Cod.I.6.4°.5 Universitätsbibliothek Augsburg; Cgm 3711, Cgm 3712 Bayerische Staatsbibliothek München
  12. Cod.icon.393 Bayerische Staatsbibliothek München; Cod.Vindob.10825/26 Österreichische Nationalbibliothek Wien; Mscr.Dresd.C93/94 Sächsische Landesbibliothek Dresden
  13. Österreichische Nationalbibliothek Wien
  14. Ob eine inhaltliche Übereinstimmung zu der Lichtenauerschen Lehre besteht, ist gesondert zu untersuchen und nicht Gegenstand dieser Arbeit.
  15. Reglementierte Form eines Gerichtlichen Zweikampfes, siehe Hils a.a.O., S210-212
  16. 78 A 15 Stiftung Preußischer Kulturbesitz; Thott 290 2° Königliche Bibliothek Kopenhagen; Cod.icon.394a Bayerische Staatsbibliothek München
  17. Cod.I.6.4°.2 Universitätsbibliothek Augsburg